97
Den Tod zu vermeiden ist nicht dasselbe wie ›leben‹.
Sprichwort der Bene Gesserit
Selbst der tristeste Raum in Burg Caladan war besser als das Krankenzimmer, also war Leto inzwischen in die exquisit ausgestattete Paulus-Suite umgezogen. Trotz der Minenfelder der Erinnerung, die hier lauerten, erhoffte man sich von diesem Wechsel eine Besserung seiner Gesundheit.
Doch jeder Tag schien genauso grau, eintönig und hoffnungslos wie der vorige zu sein.
»Sie haben unzählige Botschaften erhalten, Herzog«, sagte Jessica mit gezwungener Fröhlichkeit, obwohl sie seinen tiefen Schmerz teilte. Sie setzte nur den leichtesten Hauch der Stimme ein. Sie zeigte ihm den Berg aus Karten, Briefen und Nachrichtenwürfeln auf einem Tisch in der Nähe. Duftende Blumensträuße schmückten den Raum und trieben die antiseptischen Medizingerüche zurück. Einige Kinder hatten Bilder für ihren Herzog gemalt. »Ihr Volk trauert mit Ihnen.«
Leto gab keine Antwort. Er starrte mit glanzlosen Augen geradeaus. Ein weißer Neuhaut-Verband lag auf seiner Stirn, damit sich kein Narbengewebe bildete. Pakete mit Wachstumsverstärkern waren an einer Schulter und an beiden Beinen angebracht, und in seinem Arm steckte ein intravenöser Schlauch. Doch er schien überhaupt nichts von all diesen Dingen zu bemerken.
In der Krankenstation wurde Rhomburs verstümmelter Körper immer noch von der Lebenserhaltungseinheit versorgt. Der Prinz klammerte sich ans Leben, obwohl der Tod für ihn sicherlich der angenehmere Zustand gewesen wäre. Auf diese Weise zu überleben war schlimmer als der Tod.
Wenigstens hat Victor Frieden gefunden. Und Kailea ebenfalls. Wenn er an sie dachte, verspürte er nur Mitleid – und Entsetzen über das, wozu sie getrieben worden war.
Leto drehte leicht den Kopf in Jessicas Richtung. Auf seinem Gesicht stand der überwältigende Ausdruck tiefster Trauer. »Haben die Ärzte getan, was ich befohlen habe? Bist du sicher?« Leto hatte die Anweisung gegeben, die geborgene Leiche seines Sohnes kryogenisch zu konservieren. Diese Frage stellte er jeden Tag; er schien die Antwort immer wieder zu vergessen.
»Ja, mein Herzog. Ihr Befehl wurde ausgeführt.« Jessica nahm ein Paket vom Tisch, weil sie ihn von den unerträglichen Qualen ablenken wollte. »Das hier stammt von einer Witwe vom Ostkontinent, die schreibt, dass ihr Mann als Beamter in Ihren Diensten stand. Schauen Sie sich das Holofoto genau an – sie hält eine Urkunde in der Hand, die Sie ihr überreichten, um den lebenslangen Dienst ihres Mannes für das Haus Atreides zu ehren. Jetzt sind ihre Söhne ganz wild darauf, für Sie zu arbeiten.« Jessica streichelte seine Schulter, dann schaltete sie das Hologramm ab. »Jeder wünscht Ihnen alles Gute.«
Draußen auf den Straßen und steilen Pfaden, die zur Burg Caladan führten, hatten die Bürger Kerzen entzündet und Kränze niedergelegt. Berge von Blumen häuften sich unter seinen Fenstern, sodass die Meeresbrise den berauschenden Duft hereinwehte. Er konnte hören, wie die Menschen sangen. Manche spielten Harfe oder Baliset.
Jessica wünschte sich, Leto könnte hinausgehen und vor die mitfühlende Menge treten. Sie wollte, dass er in seinem hohen Herzogsessel im Hof thronte und sich die Bittgesuche, die Klagen und das Lob seines Volkes anhörte. In seiner Amtskleidung würde er größer als gewöhnliche Menschen wirken, ganz wie er es vom alten Herzog gelernt hatte. Leto musste sich ablenken, um weiterleben zu können. Und im Fluss der alltäglichen Beschäftigungen mochte es sogar geschehen, dass sein zerstörtes Herz wieder heilte.
Er musste wieder herrschen. Sein Volk brauchte ihn.
Als sie einen schrillen Schrei von draußen hörte, sah Jessica durch das Fenster einen großen Seefalken. Er hatte die Flügel ausgebreitet, und Riemen baumelten an seinen krallenbewehrten Füßen. Am Boden stand ein Junge, der den Riemen hielt und hoffnungsvoll zum kleinen Burgfenster aufblickte. Jessica hatte Leto gelegentlich beobachtet, wie er sich mit dem jungen Mann unterhalten hatte, einem Dorfbewohner, mit dem sich der Herzog angefreundet hatte. Wieder flog der Seefalke an Letos Zimmer vorbei, als könnte der Vogel stellvertretend für die besorgten Menschen, die sich hier versammelt hatten, einen Blick in das Zimmer werfen.
Der Herzog versank in tiefe Melancholie, und Jessica betrachtete ihn voller Liebe. Ich kann dich nicht vor der Welt abschirmen, Leto. Sie hatte stets seine Charakterstärke bewundert, doch nun sorgte sie sich um die Zerbrechlichkeit seiner Seele. Herzog Leto Atreides war störrisch und verbittert, aber er hatte den Lebenswillen verloren. Der Mann, den sie so sehr bewunderte, war gestorben, auch wenn die Genesung seines Körpers Fortschritte machte.
Es war ihr unmöglich, ihn aufzugeben und sterben zu lassen – nicht nur wegen ihres Bene-Gesserit-Auftrags, seine Tochter zur Welt zu bringen, sondern weil sie sich danach sehnte, Leto wieder gesund und glücklich zu erleben. Stumm versprach sie, alles für ihn zu tun, was in ihrer Macht stand. Sie murmelte ein Gebet der Bene Gesserit: »Große Mutter, wache über jene, die deiner würdig sind.«
* * *
In den folgenden Tagen war sie ständig bei Leto und sprach mit ihm. Er reagierte auf Jessicas stille Aufmerksamkeit, und allmählich besserte sich sein Zustand. In das schmale, attraktive Gesicht des Herzogs kehrte die Farbe zurück. Seine Stimme wurde kräftiger, und er führte immer längere Gespräche mit ihr.
Trotzdem war sein Herz noch nicht wieder zum Leben erwacht. Er wusste von Kaileas Verrat, vom Mord an ihrer Hofdame, und dass die Frau, die er einmal geliebt hatte, aus dem Fenster gesprungen war. Aber er empfand keinen Hass auf sie, keinen Wunsch nach Rache ... nur eine lähmende Betrübnis. Der Funke des Lebens und der Leidenschaft war aus seinem Blick verschwunden.
Doch Jessica wollte nicht aufgeben, und sie wollte auch nicht zulassen, dass er sich aufgab.
Sie stellte ein Vogelhäuschen auf dem Balkon vor seinem Fenster auf, und Leto beobachtete die Zaunkönige, Steinsperlinge und Finken. Bestimmten Vögeln, die regelmäßig kamen, gab er sogar Namen. Für einen Mann, der keine Bene-Gesserit-Ausbildung hatte, war seine Fähigkeit, einfache Geschöpfe zu unterscheiden, beeindruckend.
Eines Morgens, fast einen Monat nach der Explosion des Drachenschiffs, sagte er zu Jessica: »Ich will Victor sehen.« Seine Stimme klang eigenartig, tief und sehr bewegt. »Jetzt habe ich die Kraft dazu. Bring mich bitte zu ihm.«
Ihre Blicke trafen sich. In seinen holzrauchgrauen Augen erkannte Jessica nichts, was ihr einen Ansatz gegeben hätte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
Sie berührte seinen Arm. »Er ... sieht viel schlimmer als Rhombur aus. Sie müssen das nicht tun, Leto.«
»Doch, Jessica ... ich muss es tun.«
* * *
In der Gruft dachte Jessica, dass die konservierte Leiche des kleinen Jungen beinahe friedlich wirkte. Vielleicht weil Victor im Gegensatz zu Rhombur an einem Ort war, wo er keinen Schmerz mehr empfand.
Leto öffnete die Siegel und erschauderte, als ihm der eiskalte Nebel der Kryokammer entgegenschlug. Er legte seine rechte Hand auf die kalte bandagierte Brust des Jungen. Was er zu seinem toten Sohn sagte, blieb sein Geheimnis, da er keinen Laut von sich gab und seine Lippen sich nicht bewegten.
Jessica bemerkte Letos tiefe Trauer. Er konnte nie mehr mit Victor zusammensein; er konnte nichts mehr tun, um dem Jungen ein guter Vater zu sein.
Sie legte einen Arm um Letos Schulter, um ihn zu trösten. Ihr Herz pochte rasend, sodass sie sich mit einer Bene-Gesserit-Technik beruhigen musste. Trotzdem gelang es ihr nicht, denn sie hörte ein aufgeregtes Raunen in den tiefsten Regionen ihres Geistes. Was hatte das zu bedeuten? Es konnten nicht die Echos der Weitergehenden Erinnerungen sein, da sie noch keine Ehrwürdige Mutter war. Aber sie spürte, dass die alten Schwestern besorgt waren. Etwas beunruhigte sie so sehr, dass sich der Tumult bis in Jessicas Bewusstsein auswirkte. Was geht hier vor sich?
»Jetzt gibt es keinen Zweifel mehr«, sagte Leto wie in Trance. »Das Haus Atreides ist verflucht ... seit den Tagen des Agamemnon.«
Sie drängte Leto widerstrebend aus der Totengruft und wollte ihn besänftigen, ihm sagen, dass er sich irrte. Sie wollte den Herzog daran erinnern, wie viel seine Familie geleistet hatte, wie sehr sie im ganzen Imperium respektiert wurde.
Aber sie brachte kein Wort heraus. Sie hatte Rhombur, Victor und Kailea gekannt. Sie konnte Letos Befürchtungen nicht zerstreuen.